Friedrich 300
Reflexionen über einen Herrscher in Bild und Wort
Hinter einer Geburtstagstorte steht der Herrscher, eines seiner geliebten „Windspiele“ im Arm. Im Hintergrund drängt sich eine Schar prominenter Köpfe der Gegenwart aus Potsdam. Matthias Platzeck lächelt selbstzufrieden, Hans-Jürgen Scharfenberg möchte am liebsten „Nie wieder Preußen“, Günther Jauch und Hasso Plattner geben sich ebenfalls ein Stelldichein. Das Bild von Wolfgram Baumgardt belegt deutlich, dass der Preußenherrscher aus dem Bild des heutigen Potsdam nicht hinweg zu denken ist. Die Vergangenheit ragt in die Gegenwart. Einer Legende nach werden die Karyatiden, die das Panorama einfassen, des Nachts lebendig. Sie steigen von ihren Sockeln im Schloss Sanssoucci und tanzen in den Gärten. Selbst 300 Jahre nach seinem Tod ist Friedrich II kein Oldtimer, auch wenn Peter Frenkel dies mit seiner Fotografie möglicherweise nahe legt. In Warholscher Manier verfremdet lugt der tote Potentat hinter dem weit ausladenden Flügel eines Amerikanischen Luxusschlitten hervor. Das gleiche Bild Friedrichs findet sich noch einmal auf einer einzelnen Darstellung. Rot umrandet blickt Friedrich sehr skeptisch an dem Betrachter vorbei. Es wirkt, als fürchte er dräuendes Unheil. Er ist auf dem Bild von Peter Frenkel kein entspannter Herrscher, sondern eher der von Furien gehetzte Feldherr.
Seine Kopfbedeckung sieht zerschlissen aus, sein Rock scheint auch nicht in besserem Zustand zu sein. Das Bild scheint eher auf Friedrichs Gemütszustand als auf seine Erscheinung zu rekurrieren.
Friedrichs Psyche wurde früh heftig malträtiert. Friedrich Wilhelm I, sein Vater, gab sich erhebliche Mühe, die musischen und geistigen Neigungen seines Sohnes zu zerstören. Damit war er zwar nicht erfolgreich, wie zahlreiche spätere Kompositionen Friedrichs II zeigen. Aber Friedrich Wilhelms Erziehungsversuche hinterließen tiefe Narben im Gemüt seines Sohnes, die sie vermutlich nicht wieder verheilten.
Es war seine Mutter, Sophie Dorothea, eine Prinzessin aus dem Haus Hannover,
die Friedrichs musische und philosophische Neigungen erkannte und förderte. Sie
begeisterte ihn für die französische Sprache und Philosophie und ermöglichte den
Flötenunterricht des Sohnes. Eine Bleistiftzeichnung von Wolfram Baumgardt
zeigt den Regenten, konzentriert und selbstversunken mit dem Instrument an den
Lippen. Das musische Talent des Herrscher griff auch Adolf Menzel in seinem berühmten Bild des Flötenkonzerts in Sanssoucci auf, dessen Pose Baumgardt als Vorbild für seine Zeichnung diente. Schloss Sanssoucci findet sich auch auf einer weiteren Zeichnung Baumgardts, in dem eine dralle Säulenskulptur aus Sansoucci
sich dem Betrachter zuwendet.
Auf einer anderen Zeichnung Baumgardts blickt dem Betrachter ein nachdenklicher
Friedrich entgegen. Mit der schon etwas knöchernen Hand scheint der Preuße sich vor den Blicken der Betrachter schützen zu wollen. Sich vor der Welt zu schützen war für den jungen Friedrich überlebensnotwendig.
Friedrich der Große war ein „kränklicher und zierlicher Knabe, der schlecht ritt und
schoss“ (Karl Otmar vom Aretin). Seine körperliche Statur und sein sensibler Charakter waren so ungefähr das Gegenteil dessen, was sich der polternde, massige Friedrich Wilhelm I als Sohn gewünscht hatte. Als dieser dann auch noch entdeckte, dass Friedrich II heimlich Latein lernte, eine Sprache, zu deren Beherrschung Friedrich Wilhelms Geistesgaben nicht ausgereicht hatten, prügelte er seinen Sohn fürchterlich. Diese Prozedur wiederholte sich häufiger und gipfelte in dem Ausspruch: „Ich möchte wissen, was in diesem kleinen Kopf vorgeht. Ich
weiß dass er nicht so denkt wie ich“, anlässlich einer Prügelorgie gegen den Zwölfjährigen.
„Im Garten des Königs“ nennt Peter Frenkel seine Fotoserie aus Sanssoucci, die ein sehr subjektives Bild des Gartens zeigt. Die schwarz weißen Fotografien, mit Tintenstrahl auf Hahnemühle Büttenpapier gedruckt und von einer Erscheinung, die sich der Radierung annähert, zeigen einen geisterhaften Garten.
Extreme Perspektiven, bei denen sich Sträucher und Bäume dem Betrachter zu entziehen scheinen, eine dunkel in den Himmel ragende Knabenskulptur, ein von gespenstischem Licht gleißend erhellter Strauch. Die Bilderserie mutet an wie ein Blick in die aufgewühlte und zerrissene Geistesverfassung, die Friedrich II zu einem Leben voller extrem risikoreicher militärischer Taten auf der einen und sehr ambitionierten ästhetischen und künstlerischen Projekten auf der anderen Seite trieb.
In gleicher Weise scheint auch die Fotoserie „Besuch bei Hofe“, mit der Frenkel verfremdete Fotos der Herrscherbüste, aufgenommen in der Bildhauerwerkstatt
Andreas Hoferick, zeigt, eher ein Psychogramm als ein Dokument über Friedrich
zu sein. Die Abgründigkeit, die sich in den Büsten zu spiegelt, hat möglicherweise
ihren Grund in dem Spannungsfeld zwischen Muse und Ruhmessucht, in dem der Herrscher sich bewegte.
Trotz aller am eigenen Leib erfahrenen Gewalt wurde aus Friedrich beileibe kein Pazifist. Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt im Jahre 1740 besetzte Friedrich im Januar 1741 Breslau und begann den „ersten schlesischen Krieg“, beendete ihn im Jahre 1742, begann im Jahre 1744 einen weiteren Krieg in Schlesien und fiel 1756 in Sachsen ein, um danach sieben Jahre Krieg gegen halb
Europa zu führen.
Die Kriege Friedrichs thematisiert Marianne Gielen in ihrer Zeichnungsserie. „Schlachtordnung“, „feindliche Linien“, „rote Zeichen“, „Schlachtfeld“, „Unter Beschuss“ lauten die Titel. Die expressiven, gestischen Zeichnungen wollen das
Schlachtgeschehen nicht illustrativ abbilden, sondern vermitteln einen fast haptischen Eindruck dessen, was den Charakter einer Schlacht ausmacht:
Gemetzel, Leid, Zerstörung und sinnloses Morden. In den eruptiven Linien und den zerrissene Farbflächen der „roten Zeichen“ entsteht nicht nur ein beeindruckend geschichtetes Farbfeld, es zeigt sich die von immer wieder neuen Einschlägen und
nicht enden wollender Destruktion geprägte Mechanik eines militärischen Gemetzels. Die Schätzungen darüber, wie hoch die Verlusten in den Kriegen waren, die Friedrich vom Zaun brach, gehen weit auseinander. Klaus Wiegrefe beziffert sie auf eine Million: „In Relation zur Gesamtbevölkerung hat Preußen in diesem Inferno mehr Opfer zu beklagen als Deutschland im zweiten Weltkrieg. Jeder zehnte Untertan Friedrichs stirbt.“ Die preußische Infanterie hatte eine in drei Reihe gestaffelte Marschordnung entwickelt, die unerbittlich gegen den Gegner vorwärts marschierte. Starben die Männer der vorderen Reihe feuerte die nächste. Dem nahezu maschinellen Rhythmus aus Marschieren, Feuern und Laden vermochte sich niemand zu entziehen. Der einzelne Soldat musste fürchten, im Falle seiner Flucht von den Kameraden erschossen zu werden. Das Desertieren ahndete die Armee mit mehrfachem Spießrutenlauf, dem mancher gerne den schnellen Tod vorgezogen hätte, endete die häufig wiederholt angewandte Folter doch regelmäßig ebenfalls mit dem Tod oder der Verkrüppelung.
Diesen Schrecken und auch die Grausamkeit in den eigenen Reihen erfasst die zerbrochene, vielfach aufgerissene Struktur der Blätter Marianne Gielens, die von blutigem Rot dominiert werden und eindringlicher sind, als eine deskriptive Illustration sein könnte.
Das Rot des Königs ist ein prägendes Element auch der Blätter von Ade Frey. Karminrot, das der König schätzte und bei der Dekoration des Potsdamer Stadtschloss weidlich verwendete, wurde aus dem Panzer toter Cochenilleläuse
gewonnen. Das aufwendige Herstellungsverfahren, bei dem die Läuse ausgekocht und der Farbstoff dann unter Zusatz von Chemikalien gewonnen wird, machten es zu einer kostbaren Farbe. Auf einer ihrer Zeichnungen bildet die Malerin eine Form aus den abgestorbenen Läusen und appliziert sie der darunter liegenden Kopie.
Diese stellt das Stadtschloss dar. Nachdem Friedrich den ersten schlesischen Krieg abgeschlossen hatte, begann er 1744 mit dem Umbau des Stadtschlosses. Auf dem Boden einer alten Slawenfestung erbaut, entstand in den Jahren 1662 bis 1669 der frühbarocke Neubau des Schlosses, nachdem zuvor verschiedene Versuche unternommen worden waren, auf der Grundlage der Festung eine Residenz zu installieren. Friedrich Wilhelm I verkaufte um 1700 Teile des Inventars um die Staatsfinanzen zu sanieren, baute es aber nicht weiter aus. Seine endgültige Form
erhielt es erst durch Friedrich II.
Ein Fax mit einer Grundrisszeichnung des Potsdamer Stadtschlosses wählt die Malerin Ade Frey als Grundlage ihrer Arbeiten. Sie vergrößert und verkleinert die Zeichnung, bearbeitet das maschinell entstandene Papier mit Erde und Ruß, brennt es an und schafft vielfache Schichtungen die dem Entstehungsprozess und den Wandlungen des Stadtschlosses entsprechen. Gegenwärtig entsteht an der Stelle des Schlosses ein Neubau, dem die historische Fassade angeklebt wird, so dass
jedenfalls der äußere Schein Potsdamer städtischer Identität wieder hergestellt wird. Anders als in anderen Städten ist der Wiederaufbau des Gemäuers in historischem, nun aber Betongewand, nicht auf nennenswerten Widerstand
innerhalb der Bevölkerung gestoßen. Dies mag der besonderen Stadtstruktur Potsdams geschuldet sein, das weit mehr als andere Städte von seiner monarchistischen Vergangenheit geprägt ist. Dies spiegelt sich auch in der
Stadtarchitektur wieder und ist als Anziehungspunkt für Touristen ein deutlicher Wirtschaftsfaktor. Anders als auf den Zeichnungen von Ade Frey wird den Neubau kein Atem der Geschichte durchwehen, denn er ist eine Neuschöpfung aus gegenwärtigem postmodernem Zeitgeist, der sich nicht zu schade ist, historisch verbrämt eine eklektizistische Neuschöpfung aus hochfunktionalem Inneren und
barockem Schein zu schaffen. Die teilweise in der freien Natur erstellten Blätter der Künstlerin zeugen mit ihren sensiblen Schichtungen daher von einer intellektuellen Vergegenwärtigung der Geschichte und des Geistes Friedrichs II, der die Stadtväter Potsdams jedenfalls nicht mit einem eigenständigen Bauentwurf für den Schlossplatz entgegen zu treten vermochten.